Mein Name ist Hase

Verwechselt mich nicht: Ich bin ein wildes Tier. Meine außerordentliche Fruchtbarkeit ist legendär. Ebenso die Haken die ich schlage. Und auch wenn Ihr es nicht glaubt: Ich weiß alles von Euch.

L0076362 Illustration of Beelzebub, MS 1766

Das Kaninchen

Heute morgen sitzt ein Kaninchen im Baum. Ganz oben, in den dünnen Zweigen einer schlanken Birke. Die biegen sich zwar, scheinen sich aber mit der Last abzufinden, die plötzlich auf ihnen ruht. Zwei Ringeltauben (Columba palumbus) hocken auf Ästen gleich nebenan und gurren laut. Eine von ihnen widmet sich ihren Verbeugungen.

20.000 Meilen über dem Meer

Ich stehe auf einem hohen Berg, ganz oben auf dem Gipfel. Wir sind Bergsteiger und wollen uns wieder abseilen. Leider habe ich überhaupt kein Seil. Aber einer der Kollegen sagt mir, dass ich sein Seil mit benutzen kann. Alle haben sehr verschiedene Seile. Eines dient nur dazu, die Seile selbst zu sichern, insofern muss es auch nicht so belastbar sein. Dieses Sicherheitsseil, das des Kollegen, dessen Seile ich mit benutzen darf, sichere ich noch einmal zusätzlich. Ich mache mir auch Gedanken darüber, ob die Haken, die die Bergsteiger in den Fels gehauen haben halten. Aber dann sage ich mir, dass das Profis sind, die schon wissen, was sie tun. Nun kommt es also dazu, dass wir uns abseilen. Ich lasse mich in die Tiefe gleiten und dabei geht es darum, dass man sich in eine Höhle schwingen muss, die unten am Ende des Seils in den Berg führt. Man pendelt etwas hin und her in Richtung Berg, um den Eingang der Höhle zu erreichen, der aber ziemlich groß ist. Das ist wohl ein wenig riskant, aber nicht sehr. Und so lande ich schließlich auch sicher auf dem Boden in dem Höhleneingang. Jetzt geht es im Berg weiter und nach einiger Zeit gelangen wir auf eine riesengroße Bühne, auf der eine Show stattfindet.

Der Leiter unserer Expedition kennt sich aus. Er weiß, wie man sich zwischen den Kulissen bewegen muss, damit man vom Publikum nicht gesehen wird. Dabei ist die Bühne so endlos groß, dass ich die Bühnenränder gar nicht mehr sehen kann. Irgendwo ist zwar ein Publikum – wir müssen ja aufpassen, dass wir nicht gesehen werden – aber das ist so weit weg, dass man von oben nur ahnen kann, wo es sich befindet.

Auf der Bühne bewegen sich junge Schauspielerinnen und Schauspieler, denen es offenbar egal ist, dass wir uns zwischen den Kulissen verstecken, solange wir ihnen nicht in die Quere kommen. Ich schaue mir das Stück an und bewundere die Schauspielerinnen für die Präzision ihrer Darbietungen, die so eine Art Revue Tanz sind. Ich frage mich, ob ich so etwas jemals machen könnte, weil ich einfach zu alt bin, um das noch zu lernen. Komischerweise kommt mir das Ganze irgendwie bekannt vor.

Back home

Ich sehe ein Dorf. Ich glaube, es ist unser Dorf. Und ich sehe zwei junge Männer. Die Nazis haben ihnen Salpeter in die Kleidung und in die Satteltaschen der Fahrräder gesteckt, den sie entzünden und verbrennen sollen, wenn sie fühlen, dass sie ungehorsam sind. Diese jungen Männer stehen unter Verdacht. Deshalb ergreift einer von beiden jetzt die Initiative zu fliehen, und überzeugt den Anderen mitzukommen. Noch ist es ja nicht so, dass sie verhaftet wurden, oder ständig unter Beobachtung stünden. Jetzt sehe ich, wie sie mit ihren Rädern aus dem Dorf raus fahren. Sie fahren in Richtung Stadt. Hinter dem Dorf entleeren Sie die Salpetersalze einfach auf die Straße, damit ihn von der Seite her schon mal nichts mehr passieren kann. Und dann, hinter der Eisenbahnbrücke fahren sie rechts den Berg hoch in den Wald. Ich sehe, wie sie schon ein gutes Stück weit nach oben gekommen sind, ohne dass sie von irgend jemand bemerkt worden wären. Falls sie verfolgt würden, kämen die Verfolger sicher nicht auf die Idee, gerade diesen Waldweg hoch zu fahren. Es gibt einfach viel zu viele solcher Wege. Sie wollen in den Süden. Gestern habe ich an Griechenland gedacht, als ich in dem Reiseführer blätterte, den ich eigentlich für Ella und mich gekauft hatte. Dann die Stimme von jemandem, der das Ganze aus „dem Off“ kommentiert. Er sagt: „Das ist etwas, was Ihr sehr gut gemacht habt. Und später könnt Ihr ja einfach wieder herkommen. Ihr habt ja schließlich nichts Schlimmes getan.“

Die beiden radeln weiter und stehen plötzlich vor einem Wegweiser. Ein Schild, das ziemlich breit ist und einen kleinen Sockel hat. Den kann man jedoch kaum noch erkennen, weil er in altem Laub fast völlig versinkt. Auf dem Schild steht „Berlin“ und „Auf Wiedersehen“. Direkt dahinter befindet sich ein Schlagbaum und ein Zollhäuschen aus längst vergangener Zeit. Der DDR Grenzbeamte stößt das Tor auf, das einmal die Grenze zwischen der DDR und der BRD bildete und jetzt keine Funktion mehr hat. Er ist wütend, und indem er die alte, verrostete Pforte öffnet sagt er hastig: „Geht!“ Die zwei fahren weiter mit ihren Rädern. Ganz geheuer ist ihnen nicht bei dem Gedanken, gleich hinter ihrem Dorf die frühere deutsch/deutsche Grenze passiert zu haben, die ihrer Freiheit aber heute nicht mehr im Wege steht.

Ich werde wach und liege allein im Bett meiner Mutter. Ich sehe, wie vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer meiner Eltern mein roter Bademantel aufsteht. Er ist gefüllt, so als ob eine Person ihn sich angezogen hätte. Als er sich herum dreht, ist er leer, nur der Bademantel – niemand, der ihn trägt. Ich erschrecke mich, aber nicht sehr, weil ich ja weiß, dass das nur ein Geist sein kann.

Deeper and down

Auch in Wirklichkeit werde ich wach. Amüsiert, und immer noch etwas erschrocken, denke ich: „Wäre schön, wenn das jetzt Alischa oder ein ebenso hübsches Mädchen wäre.“ Gleichzeitig ist mir natürlich klar, dass das so nicht geschehen wird, weil ich es bin, der diese Illusionen erzeugt und alles, was wirklich passiert immer anders ist, als ich es mir vorstelle.

Mir reichts mit der Phantasie. Ich stehe auf, und gehe in einen Kiosk der Altstadt, in der ich wohne, wo ich mir eine Packung Zigaretten kaufen will. Die Altstadt hat was mit Taxifahren zu tun. Ich weiß, dass der Kioskbesitzer letztes Mal einen geringen Betrag – 20 Pfennig oder so – zu wenig kassiert hat. Ohne es zu bemerken, dachte ich. Doch jetzt spricht er mich tatsächlich darauf an. In dem Moment erinnert er ein wenig an Johan aus Hamburg. Ich reagiere aber so, dass ich es einfach abstreite, etwas zu wissen von den paar Pfennigen, die jetzt ich einfach behalten möchte. Ich lüge also, worüber ich ja umgekehrt mit meiner Schwester so in Konflikt geraten war, dass der Kontakt zu ihr von meiner Seite ausgesetzt wurde. Ich will mich nicht mehr von ihr belügen lassen, habe ich zu ihr gesagt. Ihn lüge ich jetzt an und sage, ich wüsste nichts davon, dass er zu wenig einbehalten hat beim letzten Mal. Daraufhin wirft er mir meine Lüge vor, und ich sage ich ihm, dass das von seiner Warte aus doppelt schief gedacht sei. Selbst wenn er recht damit hätte, so müsse er als Geschäftsmann sehen und verstehen, dass ich mich in dem Fall zu meinen Gunsten verhalte und die Dinge so darstelle, wie es für mich am günstigsten sei. (Eine Argumentation, die ich normalerweise niemals gelten lassen würde, da ich den Anspruch auf Wahrheit am allerhöchsten einschätze. Freiheit ist immer wahr, Unwahrheit ist nicht frei.)

Persönlich finde ich meine Art zu argumentieren also reichlich komisch, aber die Freunde des Mannes, die auch im Kiosk sind, lassen das, was ich äußere als Argument durchaus gelten. Und auch der Kioskbesitzer selbst ist danach eigentlich nicht mehr in der Lage, etwas gegen das, was ich vorbringe zu sagen. Genau damit hatte ich gerechnet, weil es im Prinzip die Ebene ist, auf der er tickt. Aber er weiß auch, dass ich eigentlich ganz anders bin und denke, ebenso, wie ihm mit Sicherheit bewusst ist, dass er sich vertan hatte. Warum gibt er jetzt klein bei, und beschließt, mit seinen Freunden in Richtung Baggersee zu fahren, zu einem Go Kart Ring, der auf dem Weg liegt?
Als ich das höre, bekomme ich Lust, und möchte mit ihm und seinen Freunden Go Kart fahren. Aber das passt denen jetzt nicht mehr. Sie haben meine Argumentation in Bezug auf die offene Rechnung akzeptiert, aber als ihr Freund bin ich dann eben nicht mehr wirklich dabei.

Die Gruppe bricht auf. Wie gehen über den alten Schulhof. Während wir uns verabschieden, sage ich noch zu dem Kioskbesitzer: „Und für das Problem finden wir eine Lösung, – so oder so….“ Das hätte ich mir vielleicht sparen sollen, denn nun versucht er wieder, mich dazu zu bewegen, ihm die zwanzig Pfennig zu geben. Bei mir denke ich: „Es war wohl ein Fehler, den Wunsch auszusprechen, mit zum Go Kart zu wollen. Die Abhängigkeit, in die ich mich dadurch der Gruppe gegenüber begeben habe, hat dazu geführt, dass ich eine eigentlich entschiedene Situation nochmal aufgewühlt habe.“ Aber ich schaue ihn nur an, und sage entschlossen: „So nicht!“, dann gehe ich in die andere Richtung davon. Vorher nehme ich mir sogar noch eine große Packung Grapefruit Saft aus dem Kiosk mit – wie ein Geschenk, das mir natürlicherweise zusteht.

War was?

„Ich bin so frei!“ denke ich. Aber was ist Freiheit? Freiheit von – Freiheit zu. „Ideal“ oder „Das böse Leben“? Gestalt ist frei von was? Eine Form ist gegeben. Freiheit der Gedanken – „frei wozu und frei wovon“ zwingt, zu sprechen. Seine eigenen Schranken auszusprechen, frei von Rhythmus, Reim und Worten, diese Freiheit nicht zu orten, die Strukturen schenkt und Leben, ohne sich selbst eine Form zu geben. Sie spricht, ohne zu sein und schafft, was sie nicht ist. Dagegen die Freiheit zu gehen, wohin man will. Menschlich, und wie die Vögel fliegen die Gedanken, als wären sie und als wären sie frei. Aber sie könnten niemals frei sein von Begierden, jeglichem Wollen, einem Standpunkt. Altes religiöses Ideal dagegen macht Freiheit. Menschengut, auch tierisch angewendete Liebe, ein Wesen, das Andere ausschließen. Vogel nicht, Fisch, unter Wasser atmen; nicht fliegen, denken, nicht frei sein von schafft Loch-Vakuum neu, füllt sich mit Leben. Irgendeine Form passt immer.

Frei sein von macht frei sein zu; frei sein zu schließt frei sein von aus: Freie Menschen, freie Liebe, freie Fahrt für freie Bürger. Halt im Stau, halt du Sau! Gar nichts geht mehr. Freiheit zu, große Freiheit, kleiner Anker – gar nichts wollen; lieber Gott, Macht macht dumm; und unfruchtbar – wunderbar…

Ohnmacht als Programm für später
macht aus Opfern sofort Täter

Genießen, die Kraft, fliegen können außer Acht lassen, im Brustton der Überzeugung; packen und vernaschen. Friedliche Koexistenz; Kloexistenz geht nicht friedlich, weil ausschließlich als Prinzip Hoffnung vor allen Dingen. Und die Familie, was sagt die dazu?

Natürlich ist das Andere immer das Böse. Zu Hause ist es doch am Schönsten… Zu Hause ist auf der Erde natürlich, egal ob als Mann, im Mond, oder anderswo; aber Boden unter den Füßen und Kumpane soziokulturell. Beziehungsgeflecht, Beine fest, der persönlichen Wurzel entsprechend. Freiheit von, heißt Freiheit zu, und umgekehrt? Alles nur innerhalb der eigenen Hierarchie und immer als Maß aller Dinge.

Sein Name ist Hase

Eigentlich war ich fest davon überzeugt, dass ich so etwas in Wirklichkeit gar nicht mehr zulassen wollte. Aber dann war da dieses Kaninchen und hat es einfach in mir ausgelöst. Und nun fühle ich mich selber so, als ob ich in dieser Birke sitze und mich vor ihm verbeuge.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied schna´sel 30.07.2016

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