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Die Märchen des Zeitalters des Verstandes

Doch der Hass nach Köln beendet die Hoffnung auf liquiden Diskurs

„Als Teil des Publikums werden die einzelnen Individuen zu einer undefinierbaren Masse, also zur Herde, meinte Sören Kierkegaard.“
(Søren Kierkegaard, zitiert aus: Der Einzelne und die Massengesellschaft)

und:

„Die Masse der Menschen hat keinerlei Meinung. Und da bietet denn der Journalist seinen Beistand an, indem er Meinungen verleiht.“ (a.a.O)

Sicher haben sich die Hoffnungen auf  mehr positive Impulse für die Demokratie, die sich mit den Möglichkeiten der Vernetzung und virtuellen Räumen verbunden hatten nicht erfüllt. Und natürlich ist das enttäuschend. Ich weiß trotzdem nicht, wie viel Sinn es macht „das Politische schlechthin“ als gefährdetes Kulturgut zu deklarieren, nur weil sich „der Pöbel“ nicht in dem Maße zivilisiert verhält, wie das natürlich wünschenswert gewesen wäre, nach 70 Jahren Frieden, gesicherter existentieller Basis, freier Bildung und Zugang zu Kulturangeboten für alle. Und auch wenn z.Zt. die Ungleichheit und Ungerechtigkeit in unserer Wohlstands-Komfortzone wieder zunimmt. Mit einer ähnlichen Logik könnte man vermutlich die Demokratie für grundsätzlich für gescheitert erklären, weil ja alle diese, zu einem wohlgesitteten Diskurs anscheinend unfähigen Menschen  wohl mehrheitlich in wahlmündigem Alter sind. Mir stellt sich da aber auch die Frage, was dazu geführt hat, dass die Werte, auf die wir uns so gerne beziehen offenbar nicht dazu beitragen konnten, dass diese und auch andere Menschen im gesellschaftlichen Diskurs zivilisierter miteinander umgehen. Aber wenn ich die Ursache dafür nicht allein bei denen suche und finde, die ja anscheinend ganz eindeutig den schwarzen Peter haben, frage ich mich eben auch, worin diese Enttäuschung, die sich über das pöbelhafte Verhalten breit macht ihren Ursprung haben könnte. Ich persönlich glaube jedenfalls nicht, dass der „Pöbel den Ausnahmezustand definiert“. Das ist mir zu billig. Der Ausnahmezustand wird, wenn überhaupt, durch die Anonymität der virtuellen Räume definiert und die ist nur so etwas wie ein Brandbeschleuniger, der das sichtbar macht, was wir der Form nicht wahrnehmen konnten und wollten. Ich glaube sogar: Das, was wir da erleben ist „normal“ für die Definitionen von Moral und Ethik, die wir alle gemeinsam erzeugen und in anderen Zusammenhängen auch mehr oder weniger bereitwillig tolerieren. In der Regel läuft das unter einer Devise ab, die sich mit:  „Nach mir die Sintflut“ oder auch: „Wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter“ kennzeichnen ließe. Und diese prinzipielle Devise gilt für Steuersünder ebenso wie für den anonymen Blogger, der sie sich zu eigen macht, der genau weiß, dass er persönlich keinen Gesichtsverlust erleidet und keine Strafe zu fürchten hat, solange er nicht „von der Polizei erwischt“ wird. Das ist die ethische Realität unserer Zivilisation, der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit, zwischen persönlicher und öffentlicher Moral: Schuldig wird man nur, wenn man persönlich für etwas verurteilt und bestraft werden kann. Der Unflat und das Unvermögen,/autoren/schnasel/%20 sich überhaupt, über die eigene Nasenspitze hinaus, für die Person, die Position, die Rechte und die Interessen der Anderen zu interessieren sind in der Hinsicht auch keineswegs auf die rüpelhaften Formen beschränkt, die das feine Gespür des Bildungspublikums für korrekte Sprache und korrekte Umgangsformen im Dialog miteinander beleidigen. In zivilisierter Form nennt sich das Ganze „Sozialdarwinismus“ oder „Spieltheorie“ und obwohl das in diesen gepflegteren Varianten eher als Kavaliersdelikt gilt, als nachvollziehbarer Egoismus und nicht so rüpelhaft dahergepoltert kommt, bestimmt es doch die gesellschaftliche Realität in weitaus größerem Maße als dieses Heer von prekären, ungehobelten Netzaktivisten. Und sind denn deren rüpelhafte Umgangsformen wirklich ursächlich mehr verantwortlich für die gesellschaftlichen und politischen Zustände, den gesellschaftlichen Hintergrund und eine öffentliche Moral, auch innerhalb der  Debattenkultur, deren nachdrücklich geäußerte Ansprüche sich immer weiter von der Wirklichkeit entfernen, die sie erzeugen? Und, wenn der Pöbel schwimmen lernen soll, von wem soll er das denn lernen? Von Uli Hoeneß oder Sepp Blatter oder von von den Sommermärchen, die man ihm verkauft? Wo sind denn die Vorbilder, nach denen er sich orientieren soll? Das Geschrei und das Gezerre um Geld, Macht und Ansehen, das zu unserem Alltag geworden ist und mit dem uns Politik und Medien jeden Tag dauerbeschallen bedient sich vielleicht einer anderen Sprache und bedient elaborierte Codes, aber dahinter stecken doch ganz ähnliche, wirklich von fast allen (außer Gutmenschen natürlich) gelebte und akzeptierte Verhaltensmuster. Auch bei denen, die sich vielleicht anders zu artikulieren wissen, deren Lebenspraxis aber, abgesehen von der Höflichkeit, die sie als Form perfekt beherrschen, die gesellschaftlichen Zustände zumindest entscheidend beeinflusst hat, die nun wieder einzig den Unberührbaren angerechnet werden. Und auf das einträgliche Geschäft, das man mit diesem „Pöbel“ ja online dann doch gerne machen möchte, will von denen, die sich jetzt darüber beschweren, dass es stinkt natürlich auch niemand wirklich verzichten.
Neu sind diese Probleme jedenfalls alle nicht. Über die Scheinheiligkeit der bürgerlichen Moral und das Verhältnis zwischen den Medien, der Gesellschaft und dem Einzelnen hat sich Søren Aabye Kierkegaard bereits in den 1840er Jahren ausgiebig geäußert. Und man hat ihn schon damals in der feineren Gesellschaft, aus der er eigentlich stammte dafür bestenfalls ignoriert, eher aber wie einen Verräter behandelt und gehasst.
Das folgende Zitat, das sich mit dem Begriff des Publikums beschäftigt und den Kierkegaard in der Form in die Debatte seiner Zeit über die Anonymität und die Entfremdung durch die Massenkultur eingebracht hat, habe ich einem PDF entnommen, das ich im Netz gefunden habe. Die Original Quelle für das Kierkegaard Zitat konnte ich nicht ausfindig machen, aber es wird an anderer, seriöser Stelle in ähnlicher Form auch verwandt, was mich von seiner Authentizität ausreichend überzeugt hat. Der Autor dieses PDFs, Tilman Schröder, schreibt als Bemerkung dazu: „ein kurzer Text, der dann an Brisanz gewinnt, wenn man den Begriff des Publikums inhaltlich durch unsere moderne Rede von der sog. „öffentlichen Meinung“ erweitert:“

„Das Publikum ist kein Volk, keine Generation, keine Mitwelt, keine Gemeinde, keine Gesellschaft, nicht diese bestimmten Menschen, denn alles dergleichen ist lediglich vermöge der Konkretheit was es ist; ja, auch nicht ein einziger von denen, die dem Publikum zugehören, hat irgend eine wesentliche Dienstverpflichtung. Einige Stunden des Tages gehört er vielleicht mit zum Publikum, nämlich die Stunden, in denen er Nichts ist, denn in den Stunden , in denen er das Bestimmte ist, das er ist, da also wo er durch die eigenen Entscheidung bestimmt wird, da gehört er nicht zum Publikum. Aus so lchen Einern gebildet, aus den Einzelnen in den Augen blicken, da sie Nichts sind, ist ‚Publikum‘ ein ungeheuerliches Etwas, das abstrakte Öde und Leere, welches alle und niemand ist. ‚Publikum‘ ist alles oder nichts, ist von allen Mächten die gefährlichste und die nichtssagendste. Man kann im Namen des Publikums zu einer ganzen Nation sprechen, und doch ist das Publikum weniger als ein einziger noch so geringer wirklicher Mensch. Die Bestimmung ‚Publikum‘ ist jenes Blendwerk der Reflexion, das mit seiner Gaukelei die Individuen eingebildet gemacht hat, weil jedermann sich dieses Ungeheuerlichen anmaßen kann, im Vergleich mit dem die konkreten Gebilde der Wirklichkeit dürftig scheinen: ‚Publikum‘ ist das Märchen des Zeitalters des Verstandes.“
(aus: „Ich bin wie ein Spion Gottes“ – Eine Einführung in das Leben und Denken Sören Kierkegaards)

Für mich bedeutet das, dass diese Probleme zwar jetzt störend auftauchen und wirken, aber auch, dass wir uns nicht täuschen sollten. Diese Probleme sind ein Symptom, das, wie viele andere tagesaktuelle Ereignisse auch, auf die geistesgeschichtlichen und historischen Entwicklungen verweist, die unser geliebtes christliches Abendland seit der Aufklärung geprägt haben. Und die mit den Tabus, die wir so beseitigen konnten (Écrasez l’infâme!) neue Tabus in die Welt gesetzt haben, die uns eben auch mit den Symptomen konfrontieren, welche wir durch unsere eigene Praxis, als Folge unserer Wahrnehmung selber erzeugt haben. Unsere politischen Freiheiten, unser relativ hoher Wohlstand und auch unser Verständnis von Aufklärung führen in der Form eben nicht automatisch zu mehr Sensibilität im Umgang miteinander. Nicht dazu, dass es weniger Probleme gibt, mit Gruppen von Menschen, die man als nicht zu „uns“ gehörig ausgrenzen möchte, weniger Probleme mit der Ausbeutung der Menschen untereinander oder den Recourcen dieser Welt und auch nicht weniger Probleme mit der Herrschaft die von Menschen über Menschen ausgeübt wird.
Auch Kierkegaard war in der Gesellschaft, in der er gelebt hat tabu. Weil er sich quer gestellt hat zu denen, deren Sprache und deren Umgangsformen er prizipiell beherrscht hat. Er hat sich an bestimmte Regeln nicht gehalten, die man vielleicht auch politisch korrekt nennen könnte, ähnlich wie dieser Begriff  auch aktuell seine Anwendung findet. Dafür hat man ihn lächerlich gemacht und ausgegrenzt. Was ja immer noch, auch in den politsch korrekten Medien ein beliebtes Mittel ist, um Meinungen oder politische Gegner zu diffamieren, die man für eine Bedrohung hält; und nicht nur solche, die sich formal unangemessen ausdrücken. Kierkegaard ist sicher weit davon entfernt, in unserer Zeit populär werden zu können. Ich glaube aber dennoch, dass seine Gedanken zu den Verhältnissen, die die Massenkultur zu der wir uns entwickelt haben, bestimmen und, bezogen auf die Freiheit des Einzelnen, auch dessen Möglichkeiten ausmachen, diese erweitern oder einschränken und auf bestimmte, gesellschaftlich gewünschte oder unerwünschte Rollen festlegen, immer noch sehr aktuell sind.

(Zur Kultur der Massen Ausgehend von dem Beitrag über Hass und die entgleitende Debattenkultur im Netz war ich auf Kierkegaard und seinen Clinch mit den bürgerlichen Medien seiner Zeit gestoßen Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied schna´sel)

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